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Erfahrungsberichte

Du hast eine Lernstörung und möchtest Deine Geschichte erzählen?

Wir geben auf unserer Plattform die Möglichkeit, persönliche Erfahrungen mit Dyslexie und Dyskalkulie zu teilen. Die Berichte können Inspirieren, Mut machen, aber auch Schwierigkeiten und Bedarfe aufzeigen.

Du möchtest dabei sein? Sende uns gerne einen Erfahrungsbericht, in welchem Du folgende Fragen aus Deiner Sicht beantwortest:

 

 

  1. Wie alt bist Du und wo befindest Du Dich gerade auf Deinem Bildungsweg?(Schule/Ausbildung/Studium/Beruf)
  2. Wie hast Du herausgefunden, dass Du eine Lernstörung hast?
  3. Was waren und sind Deine grössten Herausforderungen in Bezug auf die Lernstörung? (Gerne auch Alltagsbeispiele beschreiben)
  4. Was hilft Dir in Bezug auf Deine Lernstörung?

Es besteht auch die Möglichkeit, einen persönlichen Gesprächstermin zu vereinbaren. Das Gespräch fassen wir dann in Rücksprache mit Dir schriftlich zusammen.

Die Texte können sowohl mit Klarnamen, als auch anonym veröffentlicht werden.

Bitte sende Deinen Text oder Deine Anfrage an:
Leonie.Holste@uzh.ch

 

Aktuelle Erfahrungsberichte:

Erfahrungsbericht Ole

Wie alt bist Du und wo befindest Du Dich gerade auf Deinem Bildungsweg?

Ich bin 13 Jahre alt und gehe in eine Gesamtschule in Deutschland. Das bedeutet, Haupt- Realschule und Gymnasium werden gemeinsam unterrichtet. Wir dürfen in jedem Fach entscheiden, welchen Schwierigkeitsgrad unser Unterricht haben soll.  Eine weitere Besonderheit ist, dass es sich um eine Ganztagsschule handelt und wir keine Hausaufgaben haben, sondern stattdessen immer bis nachmittags Unterricht haben. Wir haben einen Werkstattraum und haben die Möglichkeit, Hütten auf dem Schulgelände zu bauen. Das macht mir viel Spass.

Eigentlich mag ich alle Fächer gerne, vor allem Kunst, Sport und Deutsch. Meine Dyslexie bemerke ich daran, dass ich beim Lesen länger brauche und beim Schreiben häufig in jedem Wort Rechtschreibfehler mache.

Wie hast Du herausgefunden, dass Du eine Lernstörung hast?

Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich genau gemerkt habe, dass ich Schwierigkeiten dabei habe, Lesen und Schreiben zu lernen.

Meine Eltern berichten, dass es Mitte des Schuljahres in der ersten Klasse anfing, als wir Buchstaben und Laute mithilfe eines Lesebuchs lernten. Ich habe mich über die Lautstärke der anderen Kinder beschwert, was wohl daran lag, dass ich die Seiten im Buch auswendig lernen musste, um im Unterricht mitzukommen. Dafür musste ich mich viel mehr konzentrieren, als die Kinder, die das Buch lesen konnten.

Mein Vater hat ebenfalls Dyslexie und konnte verstehen, wie es mir ging. Wir haben dann gemeinsam geübt und ich habe eine Klasse wiederholt. 

Nach langer Suche haben meine Eltern dann das Angebot der Lese-Rechtschreib-Klasse in Freiburg gefunden. 

Diese Klasse, ist speziell für Kinder mit Dyslexie, aber auch für Kinder mit Migrationshintergrund und anderen Schwierigkeiten in der Sprache. Die Lehrkräfte sind sehr engagiert und die Klassengröße ist mit 6-12 Kindern sehr klein. Wir hatten extra viel Deutschunterricht und konnten so viele Dinge beim Lesen und Schreiben intensiver üben.  Leider begann nach dem zweiten Tag nach meinem Start dort direkt der Corona-Lockdown, doch trotzdem habe ich mich dort wohlgefühlt.

In meiner aktuellen Klasse ist nur ein anderes Kind mit Dyslexie von dem ich weiß. Das war vorher auch mit mir in der Lese-Rechtschreib-Klasse.

Was waren und sind Deine grössten Herausforderungen in Bezug auf die Lernstörung?

Im Alltag merke ich die Dyslexie besonders, wenn ich beispielsweise Speisekarten lesen muss. Dann brauche ich etwas länger. Besonders anstrengen finde ich es, wenn sich Texte bewegen, wie das bei Werbeplakaten oder Anzeigen in Bussen und Bahnen oft der Fall ist. Da kann ich den Text dann teilweise nicht zu Ende lesen, bevor er wieder verschwindet. (Auch aus diesem Grund fahre ich jeden Schultag 10 Kilometer mit dem Fahrrad in die Schule).

Am Anfang habe ich mich oft über meine Dyslexie geärgert und war beim Üben sehr frustriert. Inzwischen habe ich es aber akzeptiert und kommuniziere auch ganz offen, wenn ich Schwierigkeiten habe. Insgesamt fände ich es wichtig, dass mehr Menschen erfahren, was Legasthenie ist und damit besser verstehen können, was das bedeutet.

In meiner alten Klasse haben wir einmal einen Nachrichtenbeitrag von Kindernachrichten angesehen, in welchem erklärt wurde, was bei Legasthenie im Gehirn passiert. Auch mit meiner Familie sehe ich manchmal Fernsehbeiträge zu dem Thema und dann reden wir gemeinsam darüber.

Was hilft Dir in Bezug auf Deine Lernstörung?

In der Schule habe ich die Möglichkeit, einen Lesestift zu verwenden. Den nutze ich aber nur selten, weil es oft aufwendiger ist, Ihn ständig ein und auszupacken, als direkt mit dem Lesen anzufangen. Deshalb geht es mit dem Lesen dadurch nicht wirklich schneller.

Zusätzlich bekomme ich bei Vokabeltests eine LRS-Version, bei welcher die Vokabeln durcheinander auf einer Seite stehen. So kann ich die Worte mit der richtigen Rechtschreibung abschreiben und gleichzeitig zeigen, dass ich die Übersetzung kenne.

Einmal in der Woche besuche ich eine Lerntherapie, doch mit dem Ende des Schuljahres muss neu entschieden werden, ob diese verlängert wird. Dafür müssten wir dann wieder einen Antrag stellen.

Vielen Dank für Deinen Einblick, lieber Ole!

Erfahrungsbericht Florian

Wie alt bist Du und wo befindest Du Dich gerade auf Deinem Bildungsweg?

Ich bin 20 Jahre alt und habe im September 2024 die Plattform Dysgalaxie ins Leben gerufen. Mit Dysgalaxie verfolge ich das Ziel, Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Dyskalkulie zu unterstützen und ihnen zu zeigen, dass sie mit ihrer Lernbesonderheit nicht allein sind.
Die Plattform bietet Aufklärung, Austauschmöglichkeiten und praktische Hilfestellungen sowohl online als auch durch Workshops an Schulen. Mir ist es ein grosses Anliegen, das Bewusstsein für Dyskalkulie in der Gesellschaft zu stärken und offen über das Thema zu sprechen, das oft noch viel zu wenig verstanden wird.

Neben Dysgalaxie arbeite ich bei Denteo. Diese Tätigkeit bietet mir eine wertvolle Abwechslung und ermöglicht es mir, neue Perspektiven zu gewinnen – eine gute Balance zwischen beruflichem Alltag und meinem Herzensprojekt.

Wie hast Du herausgefunden, dass Du eine Lernstörung hast?

Das ist eine sehr gute Frage, da muss ich etwas ausholen. Erst in der 4. Klasse habe ich gemerkt, dass ich bei Mathematikaufgaben viel länger brauche als andere und Mühe habe, die Inhalte überhaupt zu verstehen. Dieses Gefühl hat sich dann durch die ganze Schulzeit gezogen, auch in der Sekundarschule.
Ich habe mir irgendwann eingeredet, dass Mathe einfach nicht mein Fach ist dass es mir halt einfach nicht liegt. Dabei wusste ich nicht, dass ich eigentlich Dyskalkulie habe. Kein Lehrer hat das je angesprochen oder einen Hinweis gegeben.
Erst im 10. Schuljahr hat mich mein Lehrer auf das Thema aufmerksam gemacht. Gemeinsam haben wir dann mit Karin Kucian eine Abklärung gemacht und dabei wurde festgestellt, dass ich tatsächlich Dyskalkulie habe.

Was waren und sind Deine größten Herausforderungen in Bezug auf die Lernstörung?

Die größte Herausforderung war es, die Dyskalkulie für mich selbst zu akzeptieren. Ich weiss, dass das nicht für jeden leicht ist auch für mich war es ein langer Weg. Der Umgang damit und das offene Sprechen darüber waren ebenfalls grosse Hürden.
Heute sehe ich viele Dinge nicht mehr als Herausforderungen, sondern eher als Aufgaben, die einfach etwas mehr Zeit benötigen. Im Alltag bedeutet das zum Beispiel, beim Einkaufen die Preise richtig zu berechnen oder die Arbeitsstunden korrekt auszurechnen das sind alles Dinge, die machbar sind, aber eben ein wenig mehr Zeit und Konzentration brauchen.

Was hat mir bei meiner Lernstörung geholfen?

Wenn ich zurückblicke, war es vor allem die Lerntherapie, die mir geholfen hat. Durch sie habe ich verschiedene Strategien kennengelernt, die mich im Alltag unterstützen. Auch der offene Umgang mit meiner Lernstörung und die Entscheidung, mich nicht dafür zu schämen, haben mir sehr gut getan.
Meine Arbeit bei Dysgalaxie zeigt mir, dass Dyskalkulie auch positive Seiten haben kann: Sie stärkt das Durchhaltevermögen und die Disziplin, weil man immer dranbleiben und hartnäckig sein muss.
Fangt an, die Dinge positiv zu sehen und diese Sichtweise auf euer ganzes Leben zu übertragen. Dyskalkulie kann etwas Schönes und Wertvolles sein.

Vielen Dank für Deinen Einblick, lieber Florian!

Erfahrungsbericht Marleen*

*Name geändert

Wie alt bist Du und wo befindest Du Dich gerade auf Deinem Bildungsweg?

Ich bin zurzeit 26 Jahre alt und habe ein abgeschlossenes Masterstudium von der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät und erste Berufserfahrung im Bereich Medical Affairs in der Pharmaindustrie.

Wie hast Du herausgefunden, dass Du eine Lernstörung hast?

Nun so wie ich das verstanden habe, gibt es eine genetische Prädisposition und mein Vater und meine ältere Schwester haben ebenfalls Legasthenie, weshalb meine Mutter bei mir bereits früh eine ähnliche Kondition vermutete.

In der Schule gehörten Sprachengrundsätzlich zu meinen Lieblingsfächern. Ich mochte es mich auszudrücken und liebte Geschichten und Erzählungen und brachte mich gut und gerne ein, bei den Diktaten war ich jedoch immer eine der schlechtesten in der Klasse. Da ich sonst immer sehr gute Noten in der Schule erzielte und orthographische Fehler damit gut kompensieren konnte habe ich lang auf eine offizielle Abklärung verzichtet.

Erst kurz vor der obligatorischen Eintrittsprüfung in das Gymnasium mit 14 Jahren habe ich dann die Legasthenie auch bei einer Fachperson abklären lassen und erhielt eine offizielle Bestätigung.

Was waren und sind Deine grössten Herausforderungen in Bezug auf die Lernstörung?

Mittlerweile schreibe ich fast alles an einem Laptop mit integriertem Korrekturprogramm, dennoch unterlaufen mir regelmässig gewisse Orthographiefehler.

Diese nehmen jeweils zu,wenn ich unkonzentriert oder müde bin. Vor allem bei wichtigen E-Mails muss ich daher jeweils etwas aufpassen. Ich glaube die Arbeit hat mir etwas geholfen mich zu fokussieren, ich wurde angehalten kurze prägnante Sätze für meine Materialien zu formulieren an Stelle von langen verschachtelten Prosa-Sätzen. Das hat mir geholfen mich nicht zu verlieren.

Ich glaube eine grosse Herausforderung für mich persönlich ist ein wenig die eingeschlichene Unsicherheit. Wenn ich mich gestresst fühle, zeigt sich die Legasthenie stärker (oder sie fällt mir mehr auf) und ich muss mir bewusst manchmal etwas mehr Zeit nehmen etwas konzentriert zu lesen oder schreiben.

Was hilft Dir in Bezug auf Deine Lernstörung?

Klar, die Rechtschreibprogramme! Diese sind super und die Vorschläge entsprechen oft exakt den Worten, die ich ursprünglich verfassen wollte. Als Kind habe ich zwischenzeitlich auch eine Expertin besucht, diese merkte, dass ich mir gut Regeln merken kann; und so habe ich mit ihr Wortstämme geübt. Anhand eines Stammes habe ich jeweils versucht möglichst viele Worte zu formulieren, am Ende musste ich mir nur den Stamm merken, um all die daraus resultierenden Worte richtig zu schreiben.

Wenn ich mir also heute bei gewissen Worten unsicher bin, versuche ich auch den unterliegenden Wortstamm zu finden um das Wort korrekt zu schreiben.

Vielen Dank für das Teilen Deiner Erfahrungen!

Erfahrungsbericht Constantin*

*Name geändert

 

Wie alt bist Du und wo befindest Du Dich gerade auf Deinem Bildungsweg?

61 Jahre – Dr. Ing. agr. ETH – Angestellt (Lehrgangsleitung höhere Berufsbildung) 
und Selbstständig (Coaching, Organisationsentwicklung).

 

Wie hast Du herausgefunden, dass Du eine Lernstörung hast?

In der 3. Primarschule wurde ich mit unangenehmen Sondersettings und lästigem
Extraunterricht konfrontiert. Meine Schreibversuche waren meist unverständlich und
die Kombination von Wortauslassungen und Buchstabenverdrehungen war auch für 
wohlwollende Menschen schwierig zu verstehen (in der Schule gab es davon dann 
sowieso nicht so viele). 
Ausserdem wurden meine Rechtschreibfehler (bei Wörtertests – später bei Voci in 
Franz) als Faulheit und Lernunwillen bis hin zu reduzierter Intelligenz interpretiert.

Was waren und sind Deine grössten Herausforderungen in Bezug auf die 
Lernstörung?

Siehe auch oben – was die Vergangenheit betrifft.
Ich hatte eine lange Zeit, bis ich Strategien entwickelt hatte, mit meiner Legasthenie 
umzugehen. Einige Zeit habe ich dann nur noch Schweizerdeutsch geschrieben, was 
damals sogar mit amtlichen Stellen möglich war. 
Das Lesen (im Gegensatz zum Vorlesen) habe ich schnell für mich entdeckt und eine 
beachtliche Geschwindigkeit entwickelt (den Inhalt schnell erfasst und die wichtigste 
Aussage memoriert; Detailwörter, Namen und Ortschaften habe ich meist anders 
verstanden und gleich vergessen). 
Eine grosse Herausforderung ist nach wie vor das korrekte Schreiben von konkreten 
Wörtern (ich kann mir das Wortbild nicht merken) und bei Zeitdruck das Einhalten 
von vollständigen Sätzen. 

Was hilft Dir in Bezug auf Deine Lernstörung?

Das Schreiben ist heute noch eine Herausforderung und die aktuellen elektronischen 
Hilfen (Korrekturprogramme u.a.) ein Segen. 
Bis heute gibt es immer wieder Zeitpunkte, bei denen ich Wörter nachschlagen muss, 
weil ich nicht mehr weiss, wie sie buchstabiert werden (z.B. in diesem Text 
Legasthenie). Ich schreibe heute meist elektronisch und habe immer einen Browser 
geöffnet.


Vielen Dank für das Teilen Deiner Erfahrungen!

Erfahrungsbericht Salome

Wie alt bist Du und wo befindest Du Dich gerade auf Deinem Bildungsweg?

Ich bin 29 Jahre alt und stehe kurz vor dem Abschluss meines Doktorats in Neurowissenschaften. Davor habe ich einen Bachelor und einen Master in Biomedizin gemacht.

Wie hast Du herausgefunden, dass Du eine Lernstörung hast?

Bei mir wurde zur Einschulungszeit Legasthenie festgestellt. Da mein Vater ebenfalls betroffen ist und meine Mutter bereits in meiner frühen Kindheit entsprechende Anzeichen bemerkt hatte, kam diese Diagnose nicht überraschend.

Was waren und sind Deine größten Herausforderungen in Bezug auf die Lernstörung?

Da bei mir schon früh Legasthenie festgestellt wurde und ich daraufhin sechs Jahre lang zur Logopädie ging, habe ich gelernt, damit umzugehen und Strategien zu entwickeln, um diese Beeinträchtigung bestmöglich zu kompensieren. In der Primarschule fiel mir dies am schwersten, da ich damals deutlich bemerkte, dass ich im Vergleich zu den anderen Kindern mehr Schwierigkeiten hatte und erheblich mehr Aufwand betreiben musste bei allem, was mit Sprache zu tun hatte. Das zeigte sich zum Teil sogar in Mathematik bei Textaufgaben. Mit den Jahren wurden Schule und Ausbildung jedoch zunehmend leichter für mich. Einerseits konnte ich einen Teil meiner Schwierigkeiten durch die erlernten Strategien und viel Üben kompensieren, andererseits konnte ich mich später auf die Fächer fokussieren, die mir leichter fielen.

Heute merke ich meine Legasthenie vor allem daran, dass ich eine eher langsame Leserin bin und teilweise zu Konzentrationsproblemen neige, wenn ich viel und schnell lesen muss. Mit der Rechtschreibung habe ich meistens kein Problem mehr, ausser dass ich manchmal Buchstaben vertausche oder auslasse und mir das Lernen von Fremdsprachen schwerfällt. Zum Glück gibt es heute genügend technologische Hilfsmittel, die mich dabei unterstützen.

Was hilft Dir in Bezug auf Deine Lernstörung?

Ich habe kürzlich festgestellt, dass es mir beim Lesen für die Arbeit/Studium, insbesondere dann, wenn ich viel und schnell lesen muss, am leichtesten fällt, wenn ich den Text gleichzeitig lesen und hören kann. Dank der heutigen Technologie ist das mittlerweile sehr einfach möglich. Wenn ich mir Inhalte aus einem Fachtext merken muss, visualisiere ich sie, da ich sie mir so deutlich besser einprägen kann. Oft benutze ich dazu Schlagwörter, formuliere keine ganzen Sätze und arbeite gerne mit Farben. Wahrscheinlich nutze ich ausserdem noch viele weitere Strategien unbewusst.

Vielen Dank für das Teilen Deiner Erfahrungen!

 

Erfahrungsbericht Stefan

Wie alt bist Du und wo befindest Du Dich gerade auf Deinem Bildungsweg?

Ich bin 69 Jahre alt und führte bis vor kurzem mein eigenes Architekturbüro.
Nach der obligatorischen Schule machte ich eine Lehre als Hochbauzeichner. Anschliessend studierte ich zuerst an einer Fachhochschule und nach deren Abschluss weiter an der ETH Zürich Architektur, an welcher ich mit 29 mit dem Diplom abschloss. Nachdem ich in verschiedenen Architekturbüros gearbeitet hatte, führte ich 35 Jahre lang mein eigenes Architekturbüro, in dem wir vor allem öffentliche Bauten planten und erstellten.

Wie hast Du herausgefunden, dass Du eine Lernstörung hast?

Ich hatte schon früh, ab etwa der zweiten Klasse, im Vergleich zu anderen Fächern unverhältnismässig viel Mühe mit Sprache, insbesondere im schriftlichen Ausdruck (z.B. dt oder pb) und beim Vorlesen. Ich las relativ langsam, aber das Textverständnis war glücklicherweise nie ein Problem.
Legasthenie war zu meiner Schulzeit für mich und meine Umgebung unbekannt und wurde entsprechend auch nicht therapiert. Ich wurde einfach als einseitig begabt eingeteilt. Was es genau war, wurde mir erst später, im Erwachsenenalter, bewusst, da Lernstörungen auch in den Medien präsenter wurden. Da war es aber für eine spezifische Behandlung natürlich schon viel zu spät. Ich las aber trotzdem relativ viel, blieb hartnäckig und war natürlich gezwungen, während meiner Ausbildung und später öfters Texte zu verfassen, was sehr geholfen hatte.

Was waren und sind Deine größten Herausforderungen in Bezug auf die Lernstörung?

Die Schwäche betraf natürlich nicht nur meine Muttersprache Deutsch, sondern beeinträchtigte das Erlernen von Fremdsprachen fast noch stärker.
Unter der unerkannten Lernschwäche litt in der Unterstufe und insbesondere in der Mittelstufe mein Selbstbewusstsein zeitweise erheblich. Eine sehr verständnisvolle Sprachlehrerin (Deutsch und Französisch) in der Bezirksschule (Oberstufe) half mir, sicher diesbezüglich mein Selbstbewusstsein zu stärken. Während der gesamten Ausbildungszeit waren Sprachen für mich immer wieder ein Kampf. Schlechte Sprachlehrer mit wenig oder keinem Verständnis für meine Schwierigkeiten waren immer wieder ein zusätzliches, nicht zu unterschätzendes Handicap. Später im Berufsleben war es einfacher, da es möglich war, spezifisch Hilfe zu erhalten.

Was hilft Dir in Bezug auf Deine Lernstörung?

Wie schon anfangs erwähnt, gab es in der Schul- und Ausbildungszeit eigentlich keine Hilfe wie Therapie oder Ähnliches. Geholfen hat mir sicher, dass ich an vielem interessiert war und dadurch lesen wollte. Nach der Schulzeit hat mir auch die Unterstützung von anderen Leuten, hauptsächlich die mentale meiner Frau, geholfen.
Ich las aber trotzdem immer relativ viel, blieb hartnäckig und war natürlich gezwungen, während meiner Ausbildung und später öfters Texte zu verfassen, was sehr geholfen hatte. So bekam ich die Lernschwäche mit der Zeit immer besser in den Griff. Heute betrifft es abgeschwächt in meiner Muttersprache Deutsch nur noch Orthografie und ab und zu Grammatik, was jedoch mit Hilfe von digitalen Hilfsmitteln und notfalls Unterstützung Dritter zu lösen ist. Durch die Lernschwäche, insbesondere während meiner Ausbildungszeit, bin ich jedoch bezüglich Fremdsprachen immer noch unterdotiert, was ich heute als grossen Nachteil empfinde.

Vielen Dank für diese spannenden Einblicke!

 

Flyer Aufruf zum Download