Erfahrungsbericht Stefan
Erfahrungsbericht Stefan
Wie alt bist Du und wo befindest Du Dich gerade auf Deinem Bildungsweg?
Ich bin 69 Jahre alt und führte bis vor kurzem mein eigenes Architekturbüro.
Nach der obligatorischen Schule machte ich eine Lehre als Hochbauzeichner. Anschliessend studierte ich zuerst an einer Fachhochschule und nach deren Abschluss weiter an der ETH Zürich Architektur, an welcher ich mit 29 mit dem Diplom abschloss. Nachdem ich in verschiedenen Architekturbüros gearbeitet hatte, führte ich 35 Jahre lang mein eigenes Architekturbüro, in dem wir vor allem öffentliche Bauten planten und erstellten.
Wie hast Du herausgefunden, dass Du eine Lernstörung hast?
Ich hatte schon früh, ab etwa der zweiten Klasse, im Vergleich zu anderen Fächern unverhältnismässig viel Mühe mit Sprache, insbesondere im schriftlichen Ausdruck (z.B. dt oder pb) und beim Vorlesen. Ich las relativ langsam, aber das Textverständnis war glücklicherweise nie ein Problem.
Legasthenie war zu meiner Schulzeit für mich und meine Umgebung unbekannt und wurde entsprechend auch nicht therapiert. Ich wurde einfach als einseitig begabt eingeteilt. Was es genau war, wurde mir erst später, im Erwachsenenalter, bewusst, da Lernstörungen auch in den Medien präsenter wurden. Da war es aber für eine spezifische Behandlung natürlich schon viel zu spät. Ich las aber trotzdem relativ viel, blieb hartnäckig und war natürlich gezwungen, während meiner Ausbildung und später öfters Texte zu verfassen, was sehr geholfen hatte.
Was waren und sind Deine größten Herausforderungen in Bezug auf die Lernstörung?
Die Schwäche betraf natürlich nicht nur meine Muttersprache Deutsch, sondern beeinträchtigte das Erlernen von Fremdsprachen fast noch stärker.
Unter der unerkannten Lernschwäche litt in der Unterstufe und insbesondere in der Mittelstufe mein Selbstbewusstsein zeitweise erheblich. Eine sehr verständnisvolle Sprachlehrerin (Deutsch und Französisch) in der Bezirksschule (Oberstufe) half mir, sicher diesbezüglich mein Selbstbewusstsein zu stärken. Während der gesamten Ausbildungszeit waren Sprachen für mich immer wieder ein Kampf. Schlechte Sprachlehrer mit wenig oder keinem Verständnis für meine Schwierigkeiten waren immer wieder ein zusätzliches, nicht zu unterschätzendes Handicap. Später im Berufsleben war es einfacher, da es möglich war, spezifisch Hilfe zu erhalten.
Was hilft Dir in Bezug auf Deine Lernstörung?
Wie schon anfangs erwähnt, gab es in der Schul- und Ausbildungszeit eigentlich keine Hilfe wie Therapie oder Ähnliches. Geholfen hat mir sicher, dass ich an vielem interessiert war und dadurch lesen wollte. Nach der Schulzeit hat mir auch die Unterstützung von anderen Leuten, hauptsächlich die mentale meiner Frau, geholfen.
Ich las aber trotzdem immer relativ viel, blieb hartnäckig und war natürlich gezwungen, während meiner Ausbildung und später öfters Texte zu verfassen, was sehr geholfen hatte. So bekam ich die Lernschwäche mit der Zeit immer besser in den Griff. Heute betrifft es abgeschwächt in meiner Muttersprache Deutsch nur noch Orthografie und ab und zu Grammatik, was jedoch mit Hilfe von digitalen Hilfsmitteln und notfalls Unterstützung Dritter zu lösen ist. Durch die Lernschwäche, insbesondere während meiner Ausbildungszeit, bin ich jedoch bezüglich Fremdsprachen immer noch unterdotiert, was ich heute als grossen Nachteil empfinde.
Vielen Dank für diese spannenden Einblicke!